Leben & Arbeit

Die Rabenmütter der Emanzipation

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Die Rabenmütter der Emanzipation

Ein Mamablog-Beitrag von Nils Pickert zu erstarrten Rollenbildern
Vater mit Baby im Tragegurt kotanya, Shutterstock.com Vater mit Baby im Tragegurt

Die folgenden Textauszüge stammen aus einem Mamablog-Beitrag von Nils Pickert für den Tagesanzeiger, erschienen am 16.11.2016.

"Die meisten, die uns etwas besser und länger kennen, wissen um unsere Rollenaufteilung und haben sie bei unseren anderen drei Kindern schon miterlebt. Bei uns organisiere ich meinen Job freiberuflich um die Kinder und kann dabei meinen eigenen Kram machen, während sie in Festanstellung gerne ein Team leitet uns konstant Dinge anschiebt. Das läuft seit vielen Jahren so und ist kein Geheimnis. Aber für den neuen Partner einer Freundin eben schon.

Genauso wie einige Eltern der Kitafreunde meines Sohnes oder die Nachbarin, die gerade schräg gegenüber eingezogen ist. Die sind einigermassen konsterniert darüber, dass die Chefin von dem Ganzen so zügig wie möglich wieder zur Tat schreitet und das auch noch offensiv gut findet.

Noch befremdlicher finden sie allerdings, dass ich das auch gut finde. Ich feiere meine Liebste für ihren Arbeitseifer. Bevor sie ihren ersten Arbeitstag nach Beendigung des Mutterschutzes hatte, hat sie schon Pläne geschmiedet, Projekte angezettelt, Mitarbeiterinnengespräche angedacht und Konferenzteilnahmen klargemacht. Warum das jedoch gleichbedeutend damit sein soll, dass sie ihr Baby weniger liebt als andere Mütter ihre Kinder, will mir nicht einleuchten und ist Grund für diesen Text. Denn eigentlich könnte es mir egal sein. Dass Leute, mit denen ich eher losen und keinen näheren Kontakt habe, Paarentscheidungen von uns seltsam finden, taugt nicht so richtig zum Aufreger der Woche. Kommt vor.

[...]

Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Zwei Menschen sind liiert und wollen Kinder. Der eine ist freiberuflich tätig, kann Arbeitszeiten flexibel schieben und hat grossen Spass daran, sich auch in eher nervigen Momenten um Babys und kleine Kinder zu kümmern. Der andere ist fest angestellt, hat Lust auf Karriere und braucht die nervigen Momente jetzt nicht so dringend. Was liegt näher, als die Kinderbetreuung unabhängig vom Geschlecht dementsprechend aufzuteilen? Oder sie bei zwei zeitlich stark gebundenen Berufstätigen auszulagern? Wieso müssen dabei stets noch Geschlechterrollenzwangsjacken und eine Riesenportion schlechtes Gewissen verteilt werden.

Ich habe den Verdacht, dass wir gestrige Klischeestereotype zementieren, weil wir eine Mauer brauchen, an die wir uns angesichts all der Flexibilisierungsansprüche anlehnen können. In dem Masse, wie von uns ohne unser konkretes Einverständnis verlangt wird, physisch und psychisch beweglich zu sein und uns nutzbar zu machen, erstarren unsere Rollenbilder und verweigern wir uns der Gleichberechtigung. Auf völlig entfesselten Märkten finden wir Halt in Geschlechterfesseln – nicht ohne dabei zu behaupten, diese längst gesprengt zu haben. Das gehört mittlerweile zum guten Ton: mit dem Hinweis dankend ablehnen, dass man selbst längst emanzipiert sei.

Ich bin gespannt, was uns als Gesellschaft stützen wird, wenn diese Mauer schliesslich fällt. Ich hätte da sogar schon eine Idee. Vielleicht ist es auch nur ein naiver Wunsch: wir, einander."

Hier geht zum vollständigen Blogbeitrag von Nils Pickert mit weiteren Infos zu Buchli-Phänomen, Mütteridealen und Väterkompetenzen.