Sexismus & Gewalt

ILO-Übereinkommen gegen Gewalt und sexuelle Belästigung

Sexismus & Gewalt

ILO-Übereinkommen gegen Gewalt und sexuelle Belästigung

Der Beschluss fiel Ende Juni 2019 auf der 109. Internationalen Arbeitskonferenz der ILO.
#metoo Sexismus sexuelle Belästigung Gewalt golibtolibov, Bild-ID #181383664, Fotolia.com Leider ein Dauerbrenner: Sexuelle Belästigung und Gewalt am Arbeitsplatz

Mit der #MeToo-Debatte ist sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz weltweit zum Dauerthema geworden. Bei der Internationalen Arbeitsorganisation ILO wurde nun ein Übereinkommen samt Empfehlungen zur Umsetzung in den Nationalstaaten beschlossen. Dafür hatten sich Gewerkschaften jahrelang national wie international vehement eingesetzt.

(Infos in englisch, französisch und spanisch gibt es unten als PDF!)

Vom 10. bis 21. Juni 2019 fand in Genf die 109. Internationale Arbeitskonferenz der ILO, einer Sonderorganisation der UNO, statt. Die ILO (Abkürzung für International Labour Organization, dt.: internationale Arbeitsorganisation) feierte dort auch ihren hundertsten Geburtstag. Im Fokus der diesjährigen Beratungen stand im standardsetzenden ILO-Ausschuss das Thema "Sexuelle Belästigung und Gewalt am Arbeitsplatz" ("Violence and harassment in the world of work").

Intensive Debatten im Ausschuss über zwei Jahre hinweg führten nun endlich zum bahnbrechenden Erfolg: Ein verbindliches Übereinkommen samt Empfehlungen wurde beschlossen und setzt weltweit neue gesetzliche Standards. Bisher gab es dazu auf internationaler Ebene noch keine Regelungen.

Jetzt sollte die Bundesregierung Vorbild sein, diese Instrumente zeitnah ratifizieren und wirksam umsetzen!

Elke Hannack, stellvertretende DGB-Vorsitzende

„Das ist ein Meilenstein in der Geschichte der ILO und ein bedeutender Schritt, Belästigung und Gewalt in der Arbeitswelt weltweit zu beseitigen“, so Elke Hannack, stellvertretende Vorsitzende des DGB.

Auch DGB-Vertreterinnen nahmen an den Beratungen im ILO-Ausschuss teil. Ihre Forderungen haben die DGB-Frauen bereits 2017 formuliert, diese wurden auf dem DGB-Kongress 2018 bestätigt: "Wir brauchen einen weltweit anerkannten Arbeits- und Sozialstandard, der Gewalt am Arbeitsplatz verbietet".

  • Hintergrundinformationen zur ILO von Annika Wünsche

    Annika Wünsche vom DGB-Bundesvorstand war für uns als Berichterstatterin bei der ILO-Konferenz in Genf dabei. Ihren Rückblick auf die Historie der ILO und die Arbeitskonferenz im Juni 2019 könnt ihr hier nachlesen:

  • 1919: Gründung der ILO

    2019 ist das Jahr der Demokratie, der Jubiläen und Jahrestage. Auch die ILO blickt auf eine bemerkenswerte 100-jährige Geschichte zurück.

    Gegründet 1919, vereint die ILO als Sonderorganisation der Vereinten Nationen 187 Mitgliedsstaaten. Sie ist die bedeutendste Institution der internationalen Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik. Getragen vom gemeinsamen Willen der Regierungen, Arbeitgeber und Beschäftigte, soziale Gerechtigkeit voranzutreiben, menschenwürdige Arbeit zu schaffen und Armut zu bekämpfen. Ein kurzer Blick in die Historie lohnt sich.

    Vor rund 100 Jahren, zum Jahreswechsel 1918/1919, wurden die Versailler Verträge verhandelt. Kriegsschuldfrage, Reparationszahlungen, Grenzziehungen in Europa. Weniger bekannt ist, dass die Idee der ILO aus den Versailler Verträgen hervorgegangen ist. Kurz zuvor hatte in Deutschland das Stinnes-Legien-Abkommen erstmals dafür gesorgt, dass Vereinigungen von Arbeitgebern und Beschäftigten auf Augenhöhe Löhne miteinander verhandeln. Es war der Beginn der Sozialpartnerschaft.

    Die ILO überträgt diese Idee auf die internationale Ebene. Acht-Stunden-Tag oder 48 Stunden Woche, der Grundsatz gleichen Lohnes ohne Unterschied des Geschlechts für eine Arbeit von gleichem Wert, keine Kinderarbeit in Industriebetrieben – um nur einiges zu nennen. Gute Arbeitsbedingungen, faire Entlohnung oder besser gesagt, „decent work“ ist ein menschliches Grundrecht! Bereits in der Präambel der ILO von 1919 steht: “Der Weltfrieden kann auf die Dauer nur auf sozialer Gerechtigkeit aufgebaut werden.“

  • 2019: Historischer Erfolg auf der ILO-Arbeitskonferenz in Genf

    “Der Weltfrieden kann auf die Dauer nur auf sozialer Gerechtigkeit aufgebaut werden.“ Diese Worte aus der Präambel der ILO von 1919 sind heute genauso aktuell und gültig wie damals.

    Die ILO hatte dieses Jahr zu ihrem besonderen Jubiläum die Chance, dies unter Beweis zu stellen. Und sie hat diese Chance genutzt! Das zeigt einmal mehr, dass wir die ILO und die Grundlage des Dialogs von Regierungen, Arbeitgebern und Beschäftigten brauchen, wenn wir auch in Zukunft Fortschritte für menschwürdige Arbeit weltweit erreichen wollen.

    Für uns als Frauen in der internationalen Gewerkschaftsbewegung hatte die diesjährige ILO-Arbeitskonferenz eine ganz besondere Bedeutung. Nach zweijähriger Diskussion verabschiedeten die Delegierten den internationalen Arbeitsstandard „Ending violance and harrassment in the world of work“. Damit konnte ein klares Signal der „zero-tolarance“- Politik im Hinblick auf Gewalt und Belästigung in der Arbeitswelt gesetzt werden!

    Denn Gewalt- und Belästigungshandlungen an sich, aber auch die Auswirkungen sind umfassend: Sie können die psychische, physische und sexuelle Gesundheit einer Person, ihre Würde, ihre Familie und ihr soziales Umfeld beeinträchtigen. Das Übereinkommen sieht die Mitgliedstaaten nun in der Pflicht, eine Arbeitswelt ohne Gewalt und Belästigung zu fördern.

    Geschützt werden alle Beschäftigten, unabhängig vom Vertragsstatus, inklusive Praktikanten, Auszubildende, Freiwillige, Arbeitssuchende oder Bewerber – zudem an allen Orten, die mit der Arbeit zusammenhängen, vom Arbeitsplatz über sanitäre Einrichtungen bis zu arbeitsbezogenen Veranstaltungen und Reisen. Da profitieren wir von der Formulierung „world of work“, die uns als Gewerkschaften sehr wichtig war.

    Darüber hinaus ist es gelungen, eine Definition des Gewaltbegriffs zu verankern, der zusätzlich die Perspektive von geschlechtsbezogenen Gewalt- und Belästigungshandlungen einbezieht und klar zum Ausdruck bringt. Bisher existiert eine solche Definition in keinem internationalen Regelungswerk.

    Im nächsten Schritt geht es nun an die Ratifizierung, die durch die Mitgliedsstaaten erfolgen muss. Das bedeutet, für uns Gewerkschaften geht es auf nationaler Ebene in die nächste Arbeitsphase. Wir werden uns bei den jeweiligen Regierungen weltweit für eine schnelle Ratifizierung einsetzen und darauf drängen, die Regelungen in deutsches Recht zu überführen.

    Wir sind überzeugt, dass der Arbeitsstandard „Ending violance and harrassment in the world of work“ für Millionen von Menschen Verbesserungen bringen wird – vor allem für Frauen, die viel häufiger von Gewalt und Belästigung am Arbeitsplatz betroffen sind!


 


Weitere Bilder der diesjährigen ILO-Arbeitskonferenz, mehr Infos zur ILO sowie den DGB-Beschluss des 21. Ordentlichen DGB-Bundeskongresses 2018 findet ihr auf der Webseite des DGB.

Kurzinfos zum ILO-Übereinkommen haben wir auch in englisch, französisch und spanisch:


 


 

Infos und Hilfe gegen Sexismus, Gewalt und Diskriminierung