Vereinbarkeit

DGB-Projekt zeigt: Es gibt mehr als das Beschäftigungsverbot!

Vereinbarkeit

DGB-Projekt zeigt: Es gibt mehr als das Beschäftigungsverbot!

Ein Best-Practice-Beispiel am Klinikum Karlsburg, um Schwangere erfolgreich im Team zu halten.
Ärztin Schwangerschaft schwanger Arbeitsplatz Klinik Krankenhaus pikselstock, shutterstock.com Das DGB-Projekt zeigt neue Möglichkeiten zur Unterstützung von Frauen vor und nach der Geburt.

Wenn Klinikmitarbeiterinnen ein Kind erwarten, dürfen sie vieles nicht mehr tun. Im Klinikum Karlsburg hat der Betriebsrat mit Hilfe einer DGB-Beraterin neue Wege gefunden, Frauen vor und nach der Geburt zu unterstützen. 

Schwanger. Für Krankenpflegerinnen und Ärztinnen kommt die Nachricht oft einem Beschäftigungsverbot gleich: Der Mutterschutz untersagt den Umgang mit Blut und Exkrementen, einem Großteil von Salben und Desinfektionsmitteln. Nachtschichten und schweres Heben sind ebenfalls tabu.

Viele Schwangere, die sich fit fühlen, möchten gerne an Bord bleiben. Sie wollen arbeiten und weiter Teil ihrer Abteilung sein. Doch in der Regel schicken Kliniken werdende Mütter nach Hause. Das bedeutet für diese zwar keine finanziellen Einbußen – aber oft fühlen sich die Frauen isoliert und verunsichert. 

Das Klinikum Karlsburg
Betriebsrätin Jana Reise vom Klinikum Karlsburg in der Nähe von Greifswald hatte sich schon länger Gedanken über das Problem gemacht. Es ist wichtig, im Krankenhausalltag Schwangere gut zu begleiten. Auf einem DGB-Betriebsräteforum traf sie dann 2019 Meret Matthes vom Projekt "Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestalten!"

Die erzählte ihr von kostenloser Beratung zu genau solchen Themen und wie sich gemeinsam Wege und Lösungen entwickeln lassen. Noch ein paar Fragen am Telefon geklärt – und schon reiste wenige Wochen später Christina Stockfisch nach Mecklenburg-Vorpommern und stellte dem Betriebsrat das Angebot des Deutschen Gewerkschaftsbundes vor.

So fing es an
„Einige Mitglieder des Gremiums hatten richtig Lust, sich zu engagieren“, erinnert sich die Beraterin. Mit denen bildete sie eine Kerngruppe, und gemeinsam definierten sie das Ziel: Künftig sollen Schwangere im Klinikum Karlsburg intensiver begleitet werden und keine Bedenken haben müssen, beruflich weiter integriert zu sein.

Sie wissen, was sie weiter tun dürfen und entscheiden in gemeinsamer Absprache, ob und wie sie ihre Tätigkeit im Krankenhaus weiterführen. Außerdem können sich die jungen Mütter darauf verlassen, beim Wiedereinstieg Unterstützung zu bekommen.  

Das Team verteilte die Aufgaben. Christina Stockfisch recherchierte bei anderen Krankenhäusern, wie die mit dem Problem umgehen. Jana Reise sprach mit der Kollegin, die für Hygiene zuständig ist und bei der jede Schwangere in einem ersten Gespräch aufgeklärt wird, was sich ab sofort ändert. Auch Interviews mit werdenden Müttern und Rückkehrerinnen standen auf der To-do-Liste: Was hilft ihnen, was brauchen sie noch?

Den eigenen Weg finden
Beim nächsten Treffen trug das Fünferteam alle Informationen zusammen. Klar wurde, dass es zwar einzelne Tipps von anderen Betriebsräten gibt, doch eine Blaupause existiert nicht. Das Klinikum Karlsburg musste also selbst einen Weg finden.

Nötig erschien den Beteiligten zunächst, eine Positivliste für jede Station zu erstellen:

  • Welche Tätigkeiten können und dürfen Schwangere noch verantwortungsbewusst übernehmen?
  • Ist Jobsharing mit der künftigen Vertreterin vielleicht eine gute Idee?
  • Und wer aus dem Haus wird gebraucht, um ein tragfähiges Konzept zu entwickeln?

Lust, was Sinnvolles zu gestalten
„Schritt für Schritt wurde der Kreis erweitert“, berichtet Christina Stockfisch. Die für Hygiene Zuständige und eine junge Mutter wurden integriert. Auch die Pflegedienstleiterin sowie je eine Kollegin vom Sozialdienst und vom Qualitätsmanagement kamen dazu. Auch wenn es zusätzliche Arbeit bedeutete, die Lust überwog, gemeinsam etwas Sinnvolles zu gestalten.

Christina Stockfisch sorgte in jeder Sitzung dafür, dass alle ihre Vorstellungen einbringen konnten und der Prozess vorangebracht wurde. Verabredungen hielt sie im Protokoll fest. „Es ist gut, jemanden von außen zu haben, der nicht in den Strukturen steckt, die Fäden zusammenhält und gut moderieren kann“, findet Jana Reise.

Tandems, Flyer und Wiedereingliederung
Nach einem Dreivierteljahr und fünf Sitzungen liegen Flyer und Informationsschreiben vor. Diese informieren Schwangere nicht nur über ihre Arbeitsmöglichkeiten im Klinikum Karlsburg, sondern auch über Elternzeit, Finanzhilfen und Beratungsstellen, z. B. das Kitaportal. Freiwillige Paten können Tandems mit den abwesenden Kolleginnen bilden und sie informieren, was in ihrer Abteilung los ist.

Eine gut vorbereitete Wiedereingliederung hat die Gruppe ebenfalls im Blick. Verwerfen musste sie dagegen die Idee, eine regelmäßige Sprechstunde einzurichten: Ideen gab es, aber sie sind derzeit nicht umsetzbar.

Auch für Väter gut
Noch ist der Prozess nicht abgeschlossen, manche Verantwortlichkeit muss noch geklärt werden. Jana Reise und ihre Kolleginnen schreiben gerade an einer betrieblichen Broschüre, die die Schwangeren bei ihrem Aufklärungsgespräch von der Hygienebeauftragten erhalten sollen. „Das Ganze macht Spaß, weil nicht einer die Ideen hatte, sondern wir gemeinsam Lösungen gefunden haben“, bilanziert die Betriebsrätin.

Dass sich nicht nur Schwangere für die Ergebnisse interessieren, sondern auch der erste Vater vorbeigekommen ist, freut Jana Reise – und schon überlegt sie, ob sich auch für diese Beschäftigtengruppe gezielt etwas tun lässt. Auf jeden Fall werden die Broschüre und auch sonstige Informationen zum Projekt für alle Kolleginnen und Kollegen auch im betrieblichen Intranet zugänglich sein.

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